Autor: Tobias

Manche Touren plant man monatelang. Andere entstehen aus einer Idee und einer freien Woche. Die Reise zum Lago d'Iseo gehörte irgendwo dazwischen.

Das Ziel war klar:

Möglichst viele eindrucksvolle Alpenpässe erleben, neue Straßen entdecken und einfach wieder dieses Gefühl genießen, das nur eine mehrtägige Motorradtour vermitteln kann.

📍 Region: Brescia - Bergamo
🗓️ Dauer: 1 Woche
🏍️ Motorrad: BMW R 1200 GS (K25)
🛣️ Highlights: Hahntenjoch, Bernina, Flüela
⛰️ Höchster Pass: Umbrailpass (2501 m)
☀️ Wetter: durchwachsen
📏 Kilometer: ca. 1.500

Kapitel 1 - Die Planung

Jede größere Motorradtour beginnt lange bevor der Motor zum ersten Mal startet.

Sie beginnt mit Landkarten, geöffneten Routenplanern und der immer gleichen Frage: „Wo soll es dieses Jahr hingehen?“

Für unsere Familie ist diese Frage längst zur Tradition geworden. Einmal im Jahr nehmen wir uns bewusst Zeit für eine mehrtägige Motorradtour – mein Vater, meine Mutter und ich. Während mein Vater die Routen plant und Unterkünfte organisiert, entsteht das eigentliche Reiseziel gemeinsam.

Nach unserer Tour nach Bourg Saint-Maurice im Vorjahr fiel die Wahl dieses Mal auf Italien. Der Lago d'Iseo versprach eine andere Art von Landschaft, neue Alpenpässe und wieder zahlreiche Straßen, die darauf warteten, entdeckt zu werden.

Zunächst standen der Gardasee und der Comer See zur Auswahl. Bei der weiteren Planung stießen wir jedoch auf den Lago d'Iseo – den viertgrößten oberitalienischen See. Weniger touristisch, ruhiger und landschaftlich mindestens genauso beeindruckend wie seine bekannteren Nachbarn. Genau das machte ihn für uns besonders interessant.

Die Route selbst stand dabei fast genauso sehr im Mittelpunkt wie das eigentliche Ziel. Wie bei jeder unserer Touren planten wir die Anreise auf zwei Tage, um unterwegs möglichst viele Alpenpässe und landschaftlich reizvolle Straßen erleben zu können. Nach einigen Tagen rund um den Lago d'Iseo sollte es auf einer neuen Strecke, ebenfalls mit Zwischenübernachtung, wieder zurück Richtung Heimat gehen.

Am Ende ging es also nie nur um den See selbst.

Es ging um die Straßen dorthin, die Pässe unterwegs und all die Momente, die man nur erlebt, wenn der Weg genauso wichtig ist wie das Ziel.

zur Road Story "Bourg-Saint-Maurice"

💡 Curvebound Tipp

Wer früh mit der Planung beginnt, hat die größte Auswahl bei Unterkünften – besonders in beliebten Motorradregionen. So bleibt mehr Zeit, sich auf das Wesentliche zu freuen: die Straßen und die Tour selbst.

Kapitel 2 - Aufbruch Richtung Alpen

Der erste Reisetag beginnt immer mit einer besonderen Mischung aus Vorfreude und Routine.

Die Motorräder sind bereits am Vorabend beladen, die Route steht fest und trotzdem fühlt sich der Moment, in dem der Motor zum ersten Mal startet, jedes Mal ein wenig wie der Beginn eines neuen Abenteuers an.

Von unserem Zuhause im Rheingau aus führte uns die erste Etappe zunächst über die Autobahn Richtung Süden. Das Ziel war klar: möglichst schnell die Alpen erreichen, um den restlichen Tag auf kleineren Straßen genießen zu können.

Unsere erste Pause legten wir in Kirchheim unter Teck ein. Nach den ersten Kilometern tat es gut, die Beine zu vertreten und ein wenig durch die Altstadt zu schlendern. Zwischen den historischen Fachwerkhäusern kehrten wir im Eiscafé Caprice1995 ein und stärkten uns bei einem Cappuccino für den weiteren Weg.

Ab Kirchheim wechselten wir schließlich auf die Landstraße. Der Verkehr wurde ruhiger, die Straßen kurviger und mit jedem Kilometer rückten die Alpen ein Stück näher. Es dauerte nicht lange, bis am Horizont die ersten Gipfel auftauchten – ein Moment, auf den ich mich bei jeder Tour besonders freue. Ganz gleich, wie oft man ihn erlebt, der erste Blick auf die Berge fühlt sich jedes Mal wie der eigentliche Beginn des Motorradurlaubs an.

Unser Tagesziel war Rieden am Forggensee, ein kleiner Ort direkt am Alpenrand. Dort angekommen bezogen wir unsere Zimmer im Gasthof Rössle, ließen den ersten Reisetag bei einem gemeinsamen Abendessen ausklingen und genossen die entspannte Atmosphäre nach rund 500 Kilometern im Sattel.

Bevor der Abend endete, zog es mich noch einmal hinaus. Bei bestem Sommerwetter führte mich ein Spaziergang an den Forggensee. Über das ruhige Wasser hinweg zeichnete sich in der Ferne sogar das Schloss Neuschwanstein ab – ein stimmungsvoller Abschluss für den ersten Tag und gleichzeitig der perfekte Vorgeschmack auf das, was in den kommenden Tagen noch vor uns lag.

💡 Curvebound Tipp

Der erste Alpenblick ist für viele Motorradfahrer etwas Besonderes. Plane deine Tagesetappe deshalb nicht zu lang. Wer entspannt am Ziel ankommt, hat oft noch Zeit für einen Abendspaziergang oder eine kleine Erkundung der Umgebung – Momente, die genauso in Erinnerung bleiben wie die Pässe selbst.

Kirchheim - Rieden - Gasthof Rössle

Kapitel 3 - Der Weg in die Hochalpen

Der zweite Reisetag sollte gleichzeitig der erste richtige Alpen-Tag werden.

Nach einer erholsamen Nacht im Gasthof Rössle in Rieden am Forggensee starteten wir gegen neun Uhr in Richtung Süden. Vor uns lagen rund 330 Kilometer, mehrere Alpenpässe und das eigentliche Ziel unserer Reise: Costa Volpino am Lago d'Iseo.

Wie so oft verlief auch diese Etappe nicht ganz nach Plan. Bereits kurz hinter Füssen zwang uns eine Straßensperrung dazu, unsere Route spontan anzupassen. Zum Glück gehörte das schon fast zur Routine und kostete uns nur wenig Zeit.

Nach einem kurzen Tankstopp hinter der österreichischen Grenze führte uns die Strecke durch das Lechtal. Mit jedem Kilometer wurden die Straßen kurviger und die Berge rückten näher. Kurz hinter Elmen begann schließlich der erste Pass der Tour – das Hahntenjoch.

Das Hahntenjoch gehört für mich zu den schönsten Pässen Österreichs. Anspruchsvolle Kurven, beeindruckende Ausblicke und genau die Art von Straße, auf die man sich während der langen Wintermonate freut. Spätestens hier war endgültig klar: Der Motorradurlaub hatte begonnen.

Über Imst und das Oberinntal führte uns die Route weiter Richtung Nauders. Wenig später überquerten wir den Reschenpass und erreichten italienischen Boden. Den berühmten Reschensee ließen wir zunächst hinter uns, denn die nächste Pause wartete bereits in Mals.

Im kleinen Café des Hotel Hirschen gönnten wir uns Cappuccino und Kuchen – eine willkommene Gelegenheit, neue Energie zu tanken und die ersten Eindrücke des Tages Revue passieren zu lassen.

Frisch gestärkt wartete bereits das nächste Highlight: der Umbrailpass.

Mit seinen rund 2.500 Metern Höhe zählt er zu den höchstgelegenen asphaltierten Pässen der Alpen. Die Landschaft verändert sich hier spürbar. Die Baumgrenze bleibt zurück, die Luft wird frischer und die umliegenden Gipfel vermitteln eine beeindruckende Ruhe. Für mich war dieser Pass einer der eindrucksvollsten Momente der gesamten Tour.

Über einen Abschnitt der berühmten Stilfser-Joch-Straße erreichten wir schließlich Bormio, bevor mit dem Passo Mortirolo der letzte Pass des Tages auf uns wartete. Danach führte uns die Strecke ohne weitere Umwege in Richtung Costa Volpino.

Die letzten Kilometer verlangten allerdings noch einmal Geduld. Ein Unfall sorgte für einen längeren Stau, der nach einem ohnehin langen Fahrtag die Stimmung etwas dämpfte. Solche Momente gehören zu Motorradreisen jedoch genauso dazu wie die spektakulären Ausblicke.

Als wir schließlich am frühen Abend unsere Ferienwohnung in Costa Volpino erreichten, überwog nur noch ein Gefühl: Vorfreude.

Die Anreise war geschafft – und die eigentliche Tour rund um den Lago d'Iseo konnte beginnen.

Kapitel 4 - Vier Tage zwischen Pässen, Panoramen und italienischem Lebensgefühl

Nach der Ankunft in Costa Volpino konnten die eigentlichen Tourentage beginnen. Vier Tage lang erkundeten wir die Straßen rund um den Lago d'Iseo – und schnell wurde klar, dass die Region weit mehr zu bieten hat als nur den See selbst.

Den Auftakt machte eine rund 160 Kilometer lange Rundtour durch das bergige Hinterland der Lombardei. Bereits der erste Pass des Tages, der Passo Crocedomini, überzeugte mit flüssigen Kurven, wenig Verkehr und einer beeindruckenden Alpenkulisse. Von dort führte uns die Route weiter in Richtung Passo Maniva und dann zurück nach Costa Volpino.

Eigentlich.

Kurz nach der Passhöhe Maniva zwang uns eine Straßensperrung dazu, spontan umzudisponieren. Die Umleitung führte über den Passo di Passaboche – eine Straße, die wir so schnell nicht vergessen werden. Schmale Fahrbahnen, enge Spitzkehren, Gegenverkehr und hochsommerliche Temperaturen verlangten uns fahrerisch einiges ab. Gerade diese ungeplanten Situationen gehören jedoch oft zu den Erlebnissen, an die man sich noch lange erinnert.

Die Mühe wurde schließlich belohnt. Kurz vor der Abfahrt eröffnete sich ein beeindruckender Blick über den Lago d'Iseo – einer dieser Momente, in denen man automatisch den Helm abnimmt, kurz innehält und einfach nur die Aussicht genießt.

Leider hielt uns die Aussicht so im Bann, dass ich glatt vergaß ein Foto zu schießen.

Über Pisogne ging es schließlich zurück nach Costa Volpino, wo wir den ersten Tourentag ganz typisch italienisch bei Spaghetti und einem kühlen Bier ausklingen ließen.

Nicht jeder Tag verlief jedoch nach Plan. Am Dienstag zeigte sich das Wetter von seiner ungemütlichen Seite. Dauerregen und schlechte Sicht machten das Motorradfahren unmöglich, sodass wir den Tag in der Ferienwohnung verbrachten. Auch das gehört zu einer Motorradtour dazu – und macht die sonnigen Tage oft umso wertvoller.

Als sich das Wetter wieder beruhigt hatte, entschieden wir uns bewusst für eine entspanntere Runde. Die etwa 90 Kilometer lange Tour führte uns über kleine Landstraßen in Richtung Lago di Endine. Zwar standen diesmal keine bekannten Alpenpässe auf dem Programm, dafür begeisterte die Strecke mit ruhigen Straßen, weiten Ausblicken und dem typisch italienischen Hinterland. Über Adrara San Rocco erreichten wir schließlich Sarnico und legten später in der Stadt Iseo eine Pause ein, bevor wir entlang der östlichen Seeseite nach Costa Volpino zurückkehrten.

Am letzten vollständigen Urlaubstag zog es uns noch einmal in die Berge. Ziel waren die Skigebiete rund um Borno und Castione della Presolana. Auch wenn diese Route ohne berühmte Passnamen auskam, gehörte sie landschaftlich zu den schönsten der Reise. Kurvenreiche Straßen, kleine Bergdörfer und immer wieder beeindruckende Ausblicke machten die Tour zu einem würdigen Abschluss.

Eigentlich wollten wir anschließend auf direktem Weg über Lovere zurückfahren. Doch aufgrund der Dreharbeiten zum Actionfilm Positano war die Strecke gesperrt. Also hieß es erneut: umplanen. Über Salto di Collina fanden wir schließlich den Weg zurück nach Costa Volpino.

Rückblickend waren es genau diese vier Tage, die den Charakter der gesamten Reise ausmachten. Jeder Tag hatte seinen eigenen Rhythmus. Mal forderten anspruchsvolle Passstraßen unsere volle Konzentration, mal standen entspannte Panoramastrecken und das italienische Lebensgefühl im Mittelpunkt. Genau diese Mischung machte den Lago d'Iseo für uns zu einem Reiseziel, das wir jederzeit wieder ansteuern würden.

💡 Curvebound Tipp

Der Passo Crocedomini ist unter Motorradfahrern deutlich weniger bekannt als z.B. das Stilfser Joch. Gerade deshalb lohnen sich Abstecher zu weniger namhaften Pässen - weniger Verkehr, wunderschöne Landschaft und lange, flüssige Kurven.

Kapitel 5 - Abschied von den Alpen

Wie jede Motorradtour ging auch unsere Zeit am Lago d'Iseo viel zu schnell vorbei. Nach vier unvergesslichen Tagen hieß es am Freitagmorgen ein letzztes Mal: Motorräder beladen, Helme aufsetzen und den Motor starten. Das Tagesziel lautete Lustenau in Vorarlberg, wo wir im Gasthof Meindl unsere letzte Übernachtung verbringen wollten.

Anstatt den direkten Weg nach Norden zu wählen, entschieden wir uns noch einmal für einige der schönsten Straßen der Alpen. Über Edolo führte uns die Route zunächst nach Tirano, wo wir die italienisch-schweizerische Grenze passierten. Kurz darauf erreichten wir den Lago di Poschiavo, dessen tiefblaues Wasser bereits den nächsten Höhepunkt ankündigte.

Vor uns lag der Berninapass.

Mit seinen über 2.300 Metern zählt er zu den höchsten Straßenpässen der Alpen und beeindruckte bereits bei der Auffahrt mit einer einzigartigen Hochgebirgslandschaft. Oben angekommen zeigte sich jedoch, wie schnell sich das Wetter in den Bergen verändern kann. Während unten in Italien noch sommerliche Temperaturen herrschten, erwarteten uns auf der Passhöhe gerade einmal vier Grad Celsius. Für einen kurzen Fotostopp und den obligatorischen Pass-Sticker reichte es dennoch, bevor wir uns zügig wieder auf den Weg in wärmere Regionen machten.

Über St. Moritz führte uns die Strecke durch das weitläufige Oberengadiner Hochtal bis nach Susch. Dort wartete bereits der nächste Pass: der Flüelapass. Mit seinen langgezogenen Kurven und der beeindruckenden Hochgebirgslandschaft bildete er einen würdigen Abschluss unserer diesjährigen Passsammlung.

Nach der Abfahrt erreichten wir Davos und später Landquart, wo wir im Café Taste – Mood & Food eine ausgedehnte Pause einlegten. Ein Cappuccino und ein Stück Linzer Torte lieferten die nötige Stärkung für die letzten Kilometer des Tages.

Über Liechtenstein führte uns die Route schließlich weiter in Richtung Bodensee, bis wir am frühen Abend Lustenau erreichten. Im Gasthof Meindl ließen wir den letzten gemeinsamen Abend ganz entspannt bei einem kühlen Bier und einem hervorragenden Cordon Bleu ausklingen. Während die Motorräder bereits für den nächsten Morgen bereitstanden, wurde uns langsam bewusst, dass sich unsere diesjährige Tour dem Ende näherte.

Am Samstag führte uns der Heimweg schließlich ohne weitere Umwege über die Autobahn zurück in den Rheingau. Nach einer Woche voller neuer Straßen, beeindruckender Alpenpässe und unzähliger gemeinsamer Erinnerungen war die Heimfahrt zwar deutlich unspektakulärer, bot aber noch einen schönen Abschluss. Pünktlich zurück in der Heimat hatte ich sogar noch die Gelegenheit, die traditionelle Parade des Motorradfestivals Magic Bike zu erleben – ein passender Ausklang einer Tour, die sicherlich noch lange in Erinnerung bleiben wird.

💡 Curvebound Tipp

Plane für den Rückweg ruhig noch ein oder zwei besondere Pässe ein. Die Versuchung ist groß, möglichst schnell nach Hause zu fahren – doch oft gehören gerade die letzten Kilometer zu den schönsten der gesamten Reise. Gleichzeitig lohnt sich ein Blick auf die Wettervorhersage: In den Alpen können zwischen Tal und Passhöhe selbst im Hochsommer Temperaturunterschiede von über 20 °C auftreten.